Medienbericht Gutes Geschäft mit schlechten Noten

Gutes Geschäft mit schlechten Noten

Von Kim Rosenberger und Theresa Aigner (Die Presse)

Sommerzeit ist Lernzeit - das wissen die heimischen Nachhilfeinstitute zu nützen. Sie werben für Sommerkurse, die jährlich teurer werden. Denn: Die Nachfrage erlaubt es.

ÖSTERREICH. 38.000 Schüler können diese Sommerferien nur bedingt genießen. Denn für sie heißt es lernen für die Nachprüfung. So haben in der Ferienzeit auch die Nachhilfeinstitute Hochkonjunktur. Gut ein Drittel der Familien entscheidet sich für diverse Sommerangebote, die von den Instituten auch kräftig beworben werden.

So finden sich derzeit regelmäßig Inserate der „Schülerhilfe“ auf der Titelseite der „Krone“. Auch auf der Straße entkommt man der Werbung für die Nachhilfe nicht: Im 22.Wiener Gemeindebezirk etwa machen ganze Plakatwände auf die vermeintlich letzte Chance, die Nachprüfung zu schaffen, aufmerksam.

Aber nicht nur die werbenden Institute lassen sich die sommerlichen Nachhilfeangebote etwas kosten – die Eltern sind diejenigen, die tief in die Tasche greifen müssen. Denn im Vergleich zum Vorjahr sind die Preise der Sommerintensivkurse um ganze zwölf Prozent gestiegen. Damit wird offenbar ein Trend fortgesetzt: Schon im Jahr 2011 sind die Preise um 11,9 Prozent gegenüber dem Jahr 2010 gestiegen. Warum ein derartiger jährlicher Anstieg möglich ist, erklärt man sich in der Abteilung Konsumentenpolitik der Arbeiterkammer (AK) damit, dass die Nachfrage ungebrochen hoch sei.

So hat sich auch die Zahl der Nachhilfeinstitute erhöht: Im vergangenen Jahr sind zwei neue dazugekommen. Hinzu komme, dass die Ferienangebote meist mit einer Bindung über mehrere Wochen hinweg bestehen würden. Außerdem würde die Nachfrage im Bereich der Einzelbetreuung am höchsten sein, diese kostet allerdings am meisten – nicht nur in der Ferienzeit.

Hohe Preise, junge Kunden

Während der Gruppenunterricht in Instituten mit einem Preis von durchschnittlich 14Euro noch überschaubar ist, müssen für Einzelstunden schon rund 31 Euro auf den Tisch gelegt werden. Privat kostet Einzelnachhilfe rund 19 Euro. Das könnten sich allerdings immer weniger Eltern leisten, so die Ergebnisse des aktuellen Nachhilfebarometers der AK. Demnach sind die Ausgaben der Eltern für Nachhilfe im Vergleich zu letztem Jahr von 127 Millionen auf 107 Millionen Euro gesunken, obwohl der Bedarf unverändert hoch sei.

Der Trend geht jedenfalls eindeutig dahin, Kinder nicht mehr zum selbstständigen Lernen zu erziehen: So spielen 77 Prozent der Eltern nach Dienstschluss selbst noch den Nachhilfelehrer. Zusätzlich werden die Kunden der Nachhilfeinstitute immer jünger, wie ein „Presse“-Rundruf bei den Instituten ergab. Bereits im Volksschulalter, greift man – hauptsächlich wegen des bevorstehenden Schulwechsels – auf Hilfe von außen zurück. Aber auch Unterstufenschüler würden vermehrt Nachhilfe in Anspruch nehmen; die größten Probleme bereiten offenbar Mathematik und Englisch.

Die ehemalige Nachhilfelehrerin und nunmehrige Leitern des IFL-Instituts, Cornelia Czaker, erklärt die hohe Nachfrage damit, dass die im Unterricht vorhandene Zeit nicht für alle Kinder ausreiche, um den Stoff zu verstehen. Ihnen fehle oft nur eine Extrastunde, die sie im regulären Unterricht aber nicht bekommen würden.

Fehlende „Fehlerkultur“

Häufig sei es aber auch eine „Hürde“ wie ein Schulwechsel oder die Matura, die die Eltern veranlasst, ihre Sprösslinge zur Nachhilfe zu schicken, sagt Bildungspsychologin Christiane Spiel von der Uni Wien. Hinzu komme eine – an den Schulen – nicht ausreichend etablierte „Kultur des Fehlermachens“. Zu hoch sei die Angst der Schüler, sich im Unterricht vor Gleichaltrigen zu blamieren. Wird etwas nicht verstanden, seien die Schüler eher dazu geneigt, die Frage außerhalb der Schule im sicheren Rahmen der Nachhilfe als im Klassenzimmer zu stellen. Das würde weiters dazu führen, dass viele Lehrer die Kompetenzen ihrer Schüler überschätzen würden. Denn wenn diese nichts fragen, wird davon ausgegangen, dass der Stoff verstanden wurde. Auch werde das eigenständige und selbstverantwortliche Lernen in der Schule zu wenig vermittelt – das sei in einer Zeit, in der das Wissen immer umfangreicher und komplexer wird, aber dringend vonnöten, so Spiel.

Auf einen Blick

Nachhilfeinstitute haben nachprüfungsbedingt in den Sommermonaten hohen Zulauf. Dabei werden die Sommerkurse immer teurer: Im Vergleich zum Vorjahr sind die Preise für diverse Kurse und Lerncamps um zwölf Prozent angestiegen. Auch werden die Institute immer mehr, derzeit gibt es in Österreich 24 Anbieter. Laut Nachhilfebarometer der Arbeiterkammer können sich immer weniger Eltern die Nachhilfe leisten: Sie greifen vermehrt auf Gratisangebote zurück.

Bericht: "Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2012 und online hier.


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